Telekom Drosselung und Netzneutralität

Netzneutralität: Was verbirgt sich dahinter? Warum ist sie wichtig?

DSLWEB Special vom 29. April 2013

Schon seit Monaten wird darüber diskutiert, und doch wissen nur wenige, was es damit auf sich hat: Netzneutralität. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Begriff nichts anderes als die Einhaltung der wertungs- und regulierungsfreien Übertragung von Daten (Internet, VoIP, etc.) durch Netzbetreiber. Was simpel klingt, ist in der Praxis nur schwerlich durchzusetzen, denn viele Netzprovider haben verstärktes Interesse daran, durch die bevorzugte Weiterleitung von Diensten Geld zu verdienen.

Aktualisiert 27.09.2016
Telekom vs. Netzneutralität - Internet als Zwei-Klassen-System?
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Eingriff in den freien Wettbewerb

Bisher ist die Netzneutralität noch weitestgehend unangetastet, jedoch argumentieren die meisten Netzbetreiber, dass durch eine gezielte Priorisierung von Diensten Engpässe und sogenannte Datenstaus am einfachsten zu verhindern wären. Aus Verbrauchersicht kann dies allerdings nur als untergeordneter Grund für die Ablehnung der Netzneutralität gewertet werden. Viel entscheidender ist wohl die Tatsache, dass für die bevorzugte Weiterleitung eines Dienstes dem jeweiligen Anbieter höhere Preise berechnet werden können. Diese würden höchstwahrscheinlich an den Verbraucher weitergegeben. Andererseits können konkurrierende Dienste gezielt ausgebremst werden.

Verletzungen der Netzneutralität sind in der Vergangenheit schon häufig aufgetreten, etwa durch die Sperrung kostenfreier Anwendungen - bestes Beispiel ist hier der Videotelefonie- und VoIP-Dienst Skype - durch verschiedene Mobilfunkprovider. Da in Deutschland bisher aber keine gesetzliche Grundlage für die Wahrung der Netzneutralität besteht, sind der Entstehung eines Zwei-Klassen-Netzes und der Monopolbildung durch Internetdienstleister sprichwörtlich Tür und Tor geöffnet.

Telekom DSL Drosselung als Gefahr für die Netzneutralität?

Mit der Ankündigung, ab dem 2. Mai 2013 Neuverträge für DSL Anschlüsse nur noch in Verbindung mit einer Volumengrenze für die maximal nutzbare Datenrate anzubieten, hat die Deutsche Telekom abermals Öl in das Feuer der Debatte um die Netzneutralität gegossen. Dreh- und Angelpunkt ist hier, dass der Bonner Konzern bestimmte Dienste von der Drosselungsregelung ausschließt, namentlich den TV über DSL Service Entertain.

Problematisch daran ist, dass in das Telekom TV-Angebot prinzipiell der Video on Demand Dienst Videoload inbegriffen ist. Da zunächst von Konzernseiten keine klaren Angaben gemacht wurden, ob dieser ebenfalls von der Ausnahmeregelung betroffen sein würde, bahnte sich eine sprichwörtliche Lawine kritischer Reaktionen ihren Weg und lösten einen Sturm der Empörung aus.

Würde das Datenaufkommen von über Videoload bezogenen Filmen nicht vom monatlichen Volumen-Kontingent abgezogen, während Filme aus dem Angebot von Maxdome, Watchever, Lovefilm und Co. das Volumen verringerten, wäre abzusehen, dass Entertain Kunden Videoload zukünftig bevorzugen würden. Schließlich wäre allein so die frühzeitige Ausbremsung beim Internetsurfen zu umgehen bzw. eine Garantie für gute Bildqualität und ruckelfreie Wiedergabe des Filmangebots gegeben.

Ein solches Vorgehen der Telekom wäre demnach durchaus als wettbewerbsschädigend zu bezeichnen. Der Streaming Dienstleister Watchever hat sich diesbezüglich auch bereits geäußert und die Telekom scharf kritisiert. Tatsächlich gibt es auch deutliche Resonanz durch Politik und Bundesregierung. Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner und Wirtschaftsminister Philipp Rösler haben sich bereits öffentlich gegen die Pläne der Telekom ausgesprochen. Förderung der Monopolbildung sowie die Einschränkung des Rechts des Verbrauchers auf freie Auswahl sind die zentralen Kritikpunkte.

Problematisch auch ohne Präferierung einzelner Dienste

Allerdings hat Telekom Chef René Obermann in einem offenen Brief an Wirtschaftsminister Rösler nun darauf verwiesen, dass der Konzern weder Videoload.de noch hauseigene Cloud-Dienste von der Volumenberechnung ausschließen wird.

Raum zur Spekulation bleibt jedoch nach wie vor, denn Obermann spricht hier von direkten Internetdiensten. Videoload kann aber auch über den Media Receiver der Telekom abgerufen werden. Die Frage, ob der Konzern dies als direkte IP-Anwendung wertet und somit ebenfalls vom monatlichen Volumenkontingent abrechnet, ist bisher ungeklärt.

Dennoch, negative Konsequenzen für Anbieter von Videoplattformen sowie deren Nutzer werden sich nach Inkrafttreten der Datendrosselung durch die Telekom auch ohne Übervorteilung eines einzelnen Dienstes ergeben. Derzeit beträgt die Datenmenge eines einzelnen HD-Films rund 7 GB. Der Nutzer hat also die Wahl, ob er zukünftig Video on Demand seltener in Anspruch nehmen, mehr Geld für zusätzliches Datenvolumen ausgeben oder aber schlechte Qualität beim Anschauen von Inhalten hinnehmen will. Es stellt sich also allein die Frage nach dem kleineren Übel.

Eine geringere Nutzung wird zudem dazu führen, dass sich weniger erfolgreiche Anbieter vom Markt zurückziehen werden, was die Auswahl für den Kunden abermals einschränkt und einen erneuten Vorschub zur Monopolbildung in sich birgt. Die finale Konsequenz ist unabhängig der weiteren Entwicklungen allerdings jetzt schon klar: Die (höhere) Rechnung zahlt am Ende der Nutzer.

Neudefinierung des Internets

Aber auch die Nutzung diverser Video-Dienste außer Acht gelassen, hat die Maßnahme der Telekom weitreichende Konsequenzen. Allgemein wird die Datennutzung pro Internetanschluss in Zukunft stark zunehmen, etwa durch die immer verbreitetere Anwendung hochwertiger Dienste wie Cloud-Computing, Musik-Streaming, etc. Höhere Kosten werden also auch im Regelgebrauch über kurz oder lang entstehen und nicht mehr nur die von der Telekom bezifferten 2 bis 3% der "Heavy-User" betreffen.

Ebenfalls nicht zu unterschätzen ist der Folge-Effekt, den die Telekom durch die DSL Drosselung auslösen wird. Im Prinzip lässt sich die Datenbremse der Telekom als nichts anderes als der "Geburtshelfer" anderer Taktiken zur verstecken Preiserhöhung und Regulierung werten. Diese werden zwangsläufig, sollte sich der Verbraucher in der aktuellen Diskussion nicht erfolgreich zur Wehr setzten können, dem Internet so wie wir es heute kennen ein jähes Ende bereiten.

DSLWEB Fazit: Derzeit bleibt noch abzuwarten, wie die anderen deutschen Anbieter für Breitbandinternet mit der Möglichkeit der Drosselung umgehen werden. Bisher nehmen zwar die meisten eine ablehnende Haltung ein, sollten sie jedoch auf lange Sicht dem Beispiel der Telekom folgen, könnte Internet ab 2016 für viele Nutzer erheblich teurer und sehr viel komplizierter werden.

Weitere Infos zum Thema finden sich auf der Special-Seite zur Telekom DSL Flatrate Drosselung

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